Projekt: Cirksena- Stammtafel aus dem Esenser Schloss

Gutachten von Dr. Hayo van Lengen und drei Fotos von Detlef Kiesé über unser Projekt Cirksena- Stammtafel aus dem Esenser Schloss

Der Stammbaum der Cirksena in Esens

Ein Gutachten zur historischen Bewertung

von

Dr. Hajo van Lengen, Aurich

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Der auf Leinen gemalte, drei Meter hohe Stammbaum des ostfriesischen Fürstenhauses der Cirksena mit den Namen und Wappen sowie Lebensdaten aller seiner Mitglieder und deren Ehepartner gehört zu der Gemäldesammlung des Wangelinschen Witwenstiftes Esens. Es stammt aber aus der Burg zu Esens, der Residenz der Cirksena als Herren des Harlingerlandes, die sie 1600 geworden waren. Er hatte dort in der Schlosskapelle an der Wand gehangen, anscheinend unter einem Gewölbebogen, wie die oben abgerundete Form zeigt.

Das Harlingerland gehörte unausgesprochen zur ostfriesischen Reichsgrafschaft, als die Cirksena 1464  von Kaiser Friedrich III. zu Reichsgrafen erhoben wurden. Es wurde damals von dem Neffen und vertrautesten Ratgeber des ersten Reichsgrafen Ulrich Cirksena, Sibet Attena, regiert, dessen Nachkommen danach aber die Verbindung aufkündigten und sich mit ihrer Herrschaft selbständig machten. Nachdem in der Folge die Grafen von Rietberg hier durch Einheirat Erben geworden waren und Graf Enno III. von Ostfriesland dann deren Erbin Walpurgis von Rietberg zur Ehefrau gewonnen hatte, schien das Harlingerland wieder mit der Reichsgrafschaft vereinigt zu sein. Aber aus dieser Ehe gingen nur zwei Töchter hervor, so dass Enno III., als er eine zweite Ehe mit Anna von Holstein-Gottorp einging, mit seinen beiden Töchtern aus der ersten Ehe 1600 einen Vergleich schloss, gemäß dem die eine Tochter Rietberg erhielt, die andere eine entsprechende Abfindung bekam und beide auf ihre ostfriesischen Erbansprüche zugunsten ihres Vaters verzichteten.

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Als 1744 das ostfriesische Fürstenhaus der Cirksena ausstarb, trat Friedrich d. Gr. deren Nachfolge in Ostfriesland an und löste deren Hinterlassenschaft größtmöglich und damit weitestgehend auf. So wurden 1755 auch das Schloß Esens und hier noch vorhandenes Inventar versteigert, darunter der alte Stammbaum des ostfriesischen Fürstenhauses aus der Schlosskapelle, den der Domänenrat Einfeld erwarb und dann in dem Palais Heespen, das er von der Frau von Wangelin gemietet hatte, aufhing. Nach einigen Umwegen ist dieser Stammbaum nun wieder in dieses Gebäude, das heutige Rathaus der Stadt Esens, zurückgekehrt und muss für den künftigen Erhalt vor weiterem Verfall geschützt werden, ehe er hier der Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

Das großformatige Gemälde hat nach 250 Jahren wechselvoller und nicht immer sorgfältiger Behandlung sowie unsachgemäßer Lagerung etliche Beschädigungen erleiden müssen, die insbesondere die Schriftzüge und Wappenbilder betreffen. Da die Namen und Daten der Personen sowie Zeichen ihrer Wappen durch historische Nachforschungen aber bekannt sind, wären sie auch in den meisten Fällen adäquat wieder herzustellen, in jedem Fall zu bestimmen. Die Zeichnung der Verästelungen und Verzweigungen ist, wenn auch abgeschwächt, noch gut erkennbar.

Die in der Senkrechten einigermaßen gerade gehaltene Abfolge der Häuptlinge, Grafen und Fürsten von Ostfriesland bilden den eigentlichen Stamm, während ihre jeweiligen Geschwister und deren Ehepartner derart nach links und rechts ausgebreitet verteilt sind, dass der Baum eine leicht geschwungene Gestalt und damit einen natürlichen Umriss bekommen hat.

Der Stammbaum erwächst nach dem Vorbild der Wurzel Jesse aus einer schlafenden, auf der Seite liegenden männlichen Gestalt heraus, mit der wohl weniger der erste bekannte Vorfahr (hier: Edzard I. Cirksena zu Greetsiel) als vielmehr der ferne unbekannte Urahn gemeint sein dürfte - natürlich in Ritterrüstung des Hochadels der Gegenwart. Was das Gesamtbild etwas beeinträchtigt, sind die in der oberen Hälfte zum rechten Rand hin (vom Betrachter aus gesehen) eingezwängten zwei männlichen Seitenlinien der Cirksena, die offenbar nachträglich hinzugefügt worden sind. Es handelt sich hierbei einmal um die Nachkommen von Johann, Graf von Falkenburg, Bruder des die Alleinregierung behauptenden Grafen Enno II., der die natürliche Tochter von Kaiser Maximilian, Dorothea von Österreich, geheiratet hatte, und zum anderen um die Seitenlinie Ostfriesland-Rietberg, die 1690 im Mannesstamm ausgestorben war: Nach dem Berumer Vergleich von 1600, demzufolge die eine Tochter Graf Ennos III., Sabina Catharina, die Grafschaft Rietberg erhalten hatte, hatte nun 1601 ihr Onkel Johann III., Bruder Ennos III., sie geheiratet, so dass Rietberg auf diesem Wege auch in der männlichen Hand eines Cirksena geblieben war.

Der Stammbaum ist in seiner Darstellung ein Zeugnis der Barockzeit. Seine nähere Datierung lässt sich aus den aufwendigen Wappendarstellungen links und rechts zu Füßen des Stammbaumes erschließen. Vom Betrachter links ist das Wappen des ostfriesischen Fürstenhauses, rechts daneben das des Fürstenhauses von Oettingen dargestellt, über beiden das Wappen der Herzöge von Württemberg, und das heißt: des Ehepaares Fürst Christian Eberhard von Ostfriesland und Prinzessin Eberhardine Sophie von Oettingen sowie – darüber –  das Wappen beider Mütter, nämlich der Schwestern Christine Charlotte und Christine Friederike von Württemberg(-Stuttgart), Töchter des Herzogs Eberhard III.. Christine Charlotte war für ihren Sohn von 1660 bis 1690 Regentin von Ostfriesland, bis der erste überlebende Enkelsohn, Georg Albrecht, der 1685 geschlossenen Ehe entsprungen war.

Diesen Stammbaum hat demnach der Fürst Christian Eberhard nach seinem Regierungsantritt 1690 und vor dem Tode seiner Frau 1700 von seinem Haus Cirksena anfertigen lassen.

Auch hat er zur Ausgewogenheit des Bildes als Gegenstück auf der rechten Seite ebenfalls drei Wappen, und diese gewiss nicht ohne Stolz, darstellen lassen, die auf seine weiteren großen weiblichen Ahnen hinweisen: links auf seine Großmutter, die Landgräfin Juliane von Hessen, rechts auf seine Urgroßmutter, die Herzogin Anna von Holstein-Gottorp, und darüber – mit Königskrone - auf seine Ururgroßmutter, die Prinzessin Catharina von Schweden.

Als die Fürstin Eberhardine Sophie 1700 verstorben war, hat die oberste durchgehende Reihe mit den Namen ihrer zahlreichen Kinder bereits bestanden. Nachgetragen worden ist dann einmal die erste Ehefrau des Nachfolgers Georg Albrecht mit ihrem Wappen, Prinzessin Christine Louise von Nassau, die dieser am 23. September 1709 geheiratet hat. Dieser Nachtrag könnte schon vorher, nach der Eheverabredung etwa, erfolgt sein, da die vorauf gegangene Eheschließung seiner Schwester Marie Charlotte vom 10. April 1709  hier noch nicht aufgeführt ist, in diesem Fall also vielleicht sogar noch zu Lebzeiten des Fürsten Christian Eberhard, bevor er am 30. Juni 1708 verstarb. Oder aber Georg Albrecht hat die Eintragung seines Schwagers unterlassen und die seiner Ehefrau erst nach der Eheschließung vornehmen lassen, wie in der Folge auch die zwei Felder für die ersten beiden der vier schon klein verstorbenen Kinder erst danach hinzugefügt worden sind. Die beiden weiteren und das fünfte, überlebende Kind, der Sohn und Erbe Carl Edzard, geboren 1716, hat man nicht mehr auf dieser Stammtafel nachgetragen.

Für einen anderen Nachtrag, die beiden Vettern von Christian Eberhard, Edzard Eberhard und Friedrich Ulrich, sowie die Tochter des letzteren, Christiane Louise, betreffend, musste, um sie unterbringen zu können, die Namensreihe etwas nach unten gebogen werden, weil eben die Reihe der Kinder von Christian Eberhard schon dargestellt war. Da Christiane Louise erst 1710 geboren wurde, muss dieser Nachtrag nach dem Tode von Christian Eberhard erfolgt und daher von Georg Albrecht veranlasst worden sein. Die Ergänzungen des Stammbaumes um die Rietberger Seitenlinie bis zur 1699 erfolgten Eheschließung der Franziska mit Maximilian Ulrich von Kaunitz, für dessen Wappen offenbar die Vorlage noch fehlte, sowie um die Seitenlinie des Grafen Johann von Falkenburg scheinen dagegen eher noch von Christian Eberhard veranlasst worden zu sein, zumal es im Falle der Rietberger einen besonderen Bezug zu Esens und dem Harlingerland gab, während ihm bei Johann die Verbindung von dessen Nachkommen mit dem französischen Adel als reizvoll erschienen sein mag.

Dieser Stammbaum des ostfriesischen Fürstenhauses der Cirksena ist also zwischen 1690 und 1700 entstanden, mit zwei größeren und zwei kleineren Ergänzungen vor 1708 und kurz nach 1710. Er ist bis zum letzten Fürsten nicht mehr weitergeführt worden; das Interesse daran war nach 1710 erloschen. So bleibt er ein Zeugnis der Fürstenzeit Christian Eberhards.

Mit einem derartigen Stammbaum schmückten sich auch andere Adels- und Fürstenhäuser damals gern. Zudem ließ man davon auch häufig mehrere Exemplare für verschiedene Orte anfertigen. Insofern stellt er nicht etwas ganz Besonderes für die allgemeine Geschichte dar. Für die Geschichte Ostfrieslands ist seine Bedeutung aber besonders groß, da es sich bei diesem Stammbaum des ostfriesischen Fürstenhauses zum einen um das einzige erhalten gebliebene originale Exemplar handelt, zum anderen zu den ganz wenigen auf unsere Zeit gekommenen Zeugnissen der Ausstattung der fürstlichen Häuser in Ostfriesland, und erst recht der einstigen Residenz in Esens, zählt. Die gesamten Einrichtungsgegenstände der ostfriesischen Schlösser sind nach der Übernahme Ostfrieslands durch Preußen versteigert und in alle Winde verstreut worden, so das davon nur noch sehr Weniges und Vereinzeltes im Lande gezeigt werden kann. Daher ist mit der schon beeindruckenden äußeren Größe dieses Gemäldes vor allem der aussagekräftige innere Wert dieses einmaligen Zeugnisses von dem vormaligen Fürstenhaus Ostfrieslands sehr hoch zu veranschlagen. Es gibt zudem in zwei Fällen auch noch Aufschluss über wichtige Familienzusammenhänge aus der Zeit des Mittelalters. Vor allem aber bezeugt es in anschaulicher Weise nicht nur das familienhistorische Selbstverständnis des ostfriesischen Fürsten Christian Eberhard, sondern damit auch den hohen Stellenwert, den dieser seinem Haus durch dessen Verbindungen mit dem deutschen und teils europäischen Hochadel bis hin zum dänischen (Holstein-Gottorp) und schwedischen (Wasa) Königshaus beimisst. Es ist ein einzigartiges, unbedingt bewahrenswertes barockes Zeugnis ostfriesisch-fürstlicher Repräsentation und daher ein großer Glücksfall, dass diese Darstellung nicht wie so vieles andere verloren gegangen ist.

Der Stammbaum sollte daher unbedingt vor dem Verfall gerettet, das heißt: sorgfältig restauriert und anschließend angemessen präsentiert werden. Ich selbst bin, wenn gewünscht, bereit, dem/der Restaurator/in bei der Identifizierung der Namen, Daten und Wappen beizustehen sowie im Anschluss den Stammbaum mit ihm/ihr in einer kritischen Publikation darzustellen.


Pressebericht aus dem Anzeiger für das Harlingerland vom 07.04.2016:
DOWNLOAD als PDF: Bitte HIER klicken

 

 

 

 

 

Literatur:

Frank Baron Freytag von Loringhoven (Hrsg.), Europäische Stammtafeln (Wilhelm Karl Prinz von Isenburg, Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten, Bd. 3),  Marburg 1956, Taf. 67.
Wilhelm Hartmann, Burg und Schloss zu Esens im 16. Jahrhundert, in: Friesische Heimat, 12. Beilage des „Anzeiger für Harlingerland“, Wittmund 2010.

Axel Heinze, Der Stammbaum der Cirksena in Esens, in: Friesische Heimat, 19. Beilage des „Anzeiger für Harlingerland“, Wittmund 2010.

Annette Kanzenbach, Die Gemäldesammlung des Wangelinschen Witwenstifts in Esens im Lichte alter Inventare. Ergebnisse einer Inventarisierung und kunstgeschichtlichen Untersuchung, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 79, Aurich 1999/2000, S. 70-127.

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